„Brauchen wir Amazon?“ Diese Frage höre ich von D2C-Brands ständig. Die ehrliche Antwort: wahrscheinlich ja. Aber nicht so, wie du denkst, und nicht ohne Plan.
Warum Amazon für D2C-Marken Sinn macht
Amazon ist die größte Produktsuchmaschine Deutschlands. Laut Amazon Shopper Report 2025 starten 75 Prozent der deutschen Online-Käufer ihre Produktsuche direkt auf Amazon, nicht bei Google. Bei Kunden, die wöchentlich auf Amazon einkaufen, sind es sogar 87 Prozent. Wenn jemand dein Produkt sucht und du dort nicht auftauchst, findet er deinen Wettbewerber.
Das heißt nicht, dass du deinen Shopify-Shop aufgeben sollst. Es heißt, dass Amazon ein zusätzlicher Kanal ist, der Reichweite, Vertrauen und Umsatz bringt, wenn du ihn richtig angehst. Amazon-Kunden kaufen oft, ohne deine Marke vorher zu kennen. Dein D2C-Shop verkauft an Menschen, die dich schon gefunden haben. Zwei unterschiedliche Funnels, ein Umsatzziel.
Seller vs. Vendor: Was zu dir passt
Als Seller (Seller Central) verkaufst du direkt an Endkunden über Amazons Plattform. Du kontrollierst Preise, Listings und Lagerbestand, und du bekommst deine Auszahlungen alle zwei Wochen. Das ist für die meisten D2C-Brands der richtige Einstieg.
Als Vendor (Vendor Central) verkaufst du an Amazon, die dann an Endkunden weiterverkaufen. Mehr Volumen ist möglich, aber du gibst Preiskontrolle ab, und Zahlungsziele von 60 Tagen sind Standard. Vendor-Einladungen kommen in der Regel erst, wenn du als Seller bereits erfolgreich bist. Wer beide Optionen zur Wahl hat: Seller Central gibt dir die Kontrolle, die du am Anfang brauchst, um zu lernen, was auf Amazon funktioniert.
FBA oder FBM: Wer kümmert sich um den Versand?
Fulfillment by Amazon (FBA) bedeutet, Amazon lagert, verpackt und versendet deine Ware, inklusive Prime-Badge und Kundenservice. Das kostet Lager- und Versandgebühren, ist für die meisten D2C-Marken aber der schnellere Weg zu Sichtbarkeit, weil Prime-Kennzeichnung die Klickrate spürbar erhöht.
Fulfillment by Merchant (FBM) heißt, du versendest selbst aus deinem eigenen Lager oder Fulfillment-Dienstleister. Das spart FBA-Gebühren, kostet dich aber den Prime-Badge, wenn du nicht am Programm „Versand durch Verkäufer mit Prime“ teilnimmst, was zusätzliche Anforderungen an Lieferzeit und Retourenquote stellt.
Für den Einstieg empfehle ich fast immer FBA für deine Kernprodukte. Der Prime-Badge ist bei einem neuen Listing ohne Reviews einer der wenigen Vertrauenssignale, die du sofort hast.
Die 5 häufigsten Fehler beim Amazon-Einstieg
1. Alle Produkte auf einmal listen: Starte mit deinen 3–5 stärksten Produkten. Lerne die Plattform, bevor du dein ganzes Sortiment hochlädst. Jedes Listing braucht eigene Keyword-Recherche, eigene Bilder, eigene Kampagnen. Zehn halbfertige Listings performen schlechter als drei vollständige.
2. Shop-Preise 1:1 übernehmen: Amazon hat eigene Preisdynamiken. Deine D2C-Marge funktioniert auf Amazon oft nicht, weil Referral Fee (je nach Kategorie meist zwischen 8 und 15 Prozent), FBA-Gebühren und Werbekosten dazukommen. Kalkuliere Amazon als eigenes Geschäftsmodell, nicht als Kopie deines Shops.
3. Listings aus dem Webshop kopieren: Amazon-Kunden haben andere Erwartungen als Shop-Kunden. Deine Bullet Points müssen scanbar sein, deine Bilder müssen auf Mobile funktionieren, und deine Keywords müssen Amazon-spezifisch recherchiert sein, nicht von deiner Google-SEO-Strategie übernommen. Wie du dein Listing systematisch prüfst, habe ich in einer 20-Punkte-Checkliste zusammengefasst, und welche fünf Hebel für Amazon SEO wirklich zählen, erkläre ich hier.
4. Ohne Ads starten: Organische Sichtbarkeit auf Amazon musst du dir verdienen, und Ads sind der schnellste Weg dahin. Plane mindestens 15–20 Prozent deines erwarteten Umsatzes als Werbebudget für die ersten drei Monate ein. Was sich 2026 an den Kampagnentypen und Targeting-Optionen verändert hat, habe ich hier zusammengefasst.
5. Keine Brand Registry: Ohne Brand Registry hast du keinen Zugang zu A+ Content, Brand Analytics, Sponsored Brands und Brand Store. Voraussetzung ist eine eingetragene Wortmarke, kein Amazon-internes Siegel. Melde deine Marke an, bevor du startest, die Prüfung dauert oft mehrere Wochen.
Kanalkonflikt: Wie Amazon und dein D2C-Shop zusammenpassen
Die häufigste Sorge, die ich von D2C-Gründern höre: „Kannibalisiert Amazon nicht meinen eigenen Shop?“ Die kurze Antwort: teilweise, aber meistens nicht in dem Ausmaß, das befürchtet wird. Amazon-Käufer und D2C-Käufer sind oft unterschiedliche Kundensegmente mit unterschiedlicher Kaufabsicht.
Was du aktiv steuern solltest, ist Preisparität. Amazon prüft automatisiert, ob dein Preis anderswo günstiger ist, und kann Angebote deswegen unterdrücken. Halte Preise über alle Kanäle konsistent, oder differenziere bewusst über Bundles und Sets, die es exklusiv nur in einem Kanal gibt. Das umgeht Preisvergleiche, ohne gegen Amazons Richtlinien zu verstoßen.
Was der Amazon-Einstieg realistisch kostet
Neben Referral Fee und FBA-Gebühren ist Werbebudget der größte Posten. In den ersten Monaten läuft dein ACoS (Advertising Cost of Sale) fast immer höher, als er später sein wird, weil du noch kein organisches Ranking hast, das Ads entlastet. Wichtiger als der ACoS einer einzelnen Kampagne ist in dieser Phase dein TACoS, der zeigt, wie viel deines Gesamtumsatzes über Werbung finanziert ist. Den Unterschied zwischen beiden Metriken und warum TACoS die wichtigere Steuerungsgröße ist, erkläre ich im Detail hier.
Ein realistischer Fahrplan für die ersten 6 Monate
Monat 1–2: Account-Setup, Brand Registry, Listing-Erstellung für 3–5 Produkte, erste PPC-Kampagnen.
Monat 3–4: Optimierung basierend auf ersten Daten, A+ Content, erweiterte Kampagnenstruktur.
Monat 5–6: Sortimentserweiterung, Sponsored Brands, Skalierung der profitablen Kampagnen.
Erwarte keinen Break-Even in Monat 1. Amazon ist eine Investition in organisches Ranking und Markenpräsenz. Die meisten Marken erreichen Profitabilität nach 3–6 Monaten. Einen detaillierten Tag-für-Tag-Fahrplan für die Launch-Phase findest du in meinem 90-Tage-Plan für Amazon Product Launches.
Fazit
Amazon ist kein Ersatz für deinen D2C-Kanal, es ist eine Erweiterung. Wer es strategisch angeht, kann beide Kanäle parallel profitabel betreiben. Wer es halbherzig macht, verbrennt Geld und Zeit, die er in den eigenen Shop hätte stecken können.
Die Entscheidungen, die am Anfang am meisten kosten, wenn man sie falsch trifft, sind Seller vs. Vendor, FBA vs. FBM und die Budgetplanung für die ersten sechs Monate. Genau diese drei Punkte sind auch der Ausgangspunkt jeder Amazon Growth Beratung, die ich für D2C-Marken mache, bevor überhaupt eine erste Kampagne läuft.
Häufige Fragen zum Amazon-Einstieg für D2C-Marken
Brauche ich eine eingetragene Marke, um auf Amazon zu verkaufen?
Für den reinen Verkauf nicht zwingend, aber für Brand Registry und damit für A+ Content, Sponsored Brands und Markenschutz auf der Plattform schon. Ohne Brand Registry bist du anfälliger für Hijacking durch Drittanbieter auf deinem eigenen Listing.
Kannibalisiert Amazon meinen D2C-Shop?
Teilweise, aber meistens weniger als befürchtet. Amazon-Käufer und Shop-Käufer unterscheiden sich oft in Kaufabsicht und Vertrauensbedarf. Entscheidender als die Kannibalisierungsfrage ist konsistente Preisgestaltung über beide Kanäle.
Was kostet der Amazon-Einstieg für D2C-Marken realistisch?
Neben Referral Fee (meist 8–15 Prozent je Kategorie) und FBA-Gebühren solltest du 15–20 Prozent deines erwarteten Umsatzes als Werbebudget für die ersten drei Monate einplanen. Break-Even liegt bei den meisten Marken zwischen Monat 3 und 6.
Seller Central oder Vendor Central, was ist der Unterschied?
Als Seller verkaufst du direkt an Endkunden und behältst Preis- und Lagerkontrolle. Als Vendor verkaufst du an Amazon, die weiterverkaufen, mit potenziell mehr Volumen, aber weniger Kontrolle und 60 Tagen Zahlungsziel. Vendor-Einladungen kommen meist erst nach erfolgreichem Seller-Start.
Brauche ich FBA oder reicht FBM?
FBA gibt dir den Prime-Badge, was bei neuen Listings ohne Bewertungen ein wichtiges Vertrauenssignal ist. FBM spart Gebühren, kostet dich aber in der Regel Sichtbarkeit, außer du erfüllst die Anforderungen für „Versand durch Verkäufer mit Prime“.
Wie lange dauert es, bis Amazon profitabel wird?
Die meisten D2C-Marken erreichen Profitabilität nach 3 bis 6 Monaten, nicht im ersten Monat. Die ersten Wochen sind eine Investition in organisches Ranking, Reviews und Markenpräsenz, die sich erst mit sinkendem ACoS auszahlt.
Wie viele Produkte sollte ich zum Start listen?
3 bis 5 deiner stärksten Produkte reichen für den Start. Jedes zusätzliche Listing braucht eigene Keyword-Recherche, eigene Bilder und eigene Kampagnenstruktur. Ein vollständig optimiertes Listing schlägt zehn halbfertige.
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