Über Amazon SEO kursiert viel Halbwissen. „Der A9-Algorithmus funktioniert so und so“, meistens geschrieben von Leuten, die noch nie ein Produkt von Seite 3 auf Seite 1 gebracht haben. Hier ist, was in der Praxis wirklich zählt.

1. Keyword-Relevanz: Die Basis von allem

Amazon ist eine Suchmaschine, und wie jede Suchmaschine muss sie verstehen, wofür dein Produkt relevant ist. Das passiert über Keywords.

Wo Keywords hingehören: Titel (die wichtigsten), Bullet Points (die zweitwichtigsten), Backend Search Terms (der Rest), A+ Content (seit 2024 indexiert Amazon auch hier).

Der häufigste Fehler: Keyword-Stuffing im Titel. Amazon belohnt Relevanz, nicht Quantität. Ein Titel mit 200 Zeichen voller Keywords konvertiert schlechter als ein klarer, lesbarer Titel mit den 3 bis 4 wichtigsten Begriffen.

Mein Ansatz: Ich starte mit einer gründlichen Keyword-Recherche (Helium 10, Brand Analytics, Search Query Performance), gruppiere die Ergebnisse nach Shopper-Intent statt nur nach Suchvolumen, und verteile die Keywords strategisch über alle Felder. Zwei Kapsel-Keywords und zwei Pulver-Keywords brauchen unterschiedliche Listing-Antworten, auch wenn beide zum selben Produkt gehören.

2. Conversion Rate: Der stärkste Ranking-Faktor

Amazon will Produkte oben zeigen, die gekauft werden. Deine Conversion Rate (Unit Session Percentage) ist deshalb der mächtigste Hebel für dein organisches Ranking.

Was die Conversion Rate beeinflusst: Bilder (der erste und wichtigste Eindruck), Preis (relativ zum Wettbewerb), Reviews (Anzahl und Sternebewertung), Bullet Points (scanbar, benefit-orientiert), A+ Content (Vertrauensaufbau unterhalb der Fold).

Benchmark: In den meisten Kategorien liegt eine gute Conversion Rate zwischen 10 und 20 Prozent. Unter 8 Prozent hast du ein Problem, über 20 Prozent machst du vieles richtig. Eine systematische Prüfung aller Conversion-Hebel deines Listings findest du in meiner 20-Punkte-Checkliste.

3. Sales Velocity: Momentum schlägt alles

Amazon liebt Momentum. Ein Produkt, das diese Woche mehr verkauft als letzte Woche, steigt im Ranking. Ein Produkt mit sinkenden Sales fällt.

Wie du Velocity aufbaust: Gezielte PPC-Kampagnen auf deine Haupt-Keywords (der Flywheel-Effekt), zeitlich begrenzte Deals und Coupons, und externe Traffic-Quellen (Social Media, Newsletter) mit Amazon Attribution. Entscheidend ist dabei nicht, wie der Käufer zu deinem Produkt kommt, sondern dass er sucht, klickt und kauft, auch eine Anzeige auf einem Wettbewerber-Listing zählt für dein Ranking auf das gesuchte Keyword. Was sich 2026 an den dafür relevanten Kampagnentypen verändert hat, fasse ich hier zusammen.

Wichtig: Velocity ist relativ zu deiner Kategorie. Du musst nicht die absolute Nummer 1 sein, du musst schneller wachsen als deine direkten Wettbewerber. Wie du das gezielt in den ersten Wochen nach dem Launch aufbaust, beschreibe ich in meinem 90-Tage-Plan für Amazon Produktlaunches.

4. Backend Keywords: Das versteckte Potenzial

Die Backend Search Terms sind 250 Bytes ungenutztes Potenzial bei den meisten Sellern. Hier gehören alle Keywords rein, die im sichtbaren Listing keinen Platz haben.

Best Practices: Keine Wiederholungen von Keywords, die schon im Titel oder Bullets stehen. Schreibfehler und alternative Schreibweisen einfügen (zum Beispiel „Vitamin C Serum“ und „VitaminC“). Keine Marken-Keywords von Wettbewerbern (das verstößt gegen Amazons Richtlinien). Nur mit Leerzeichen trennen, keine Kommata nötig, jedes Komma verschwendet Bytes.

5. Click-Through-Rate: Der unterschätzte Faktor

Bevor jemand kaufen kann, muss er klicken. Deine CTR in den Suchergebnissen entscheidet, ob Amazon dich überhaupt als relevant einstuft.

Was die CTR beeinflusst: Hauptbild (muss sich von der Konkurrenz abheben), Titel (klar, relevant, die wichtigsten Benefits vorne), Preis (muss im erwarteten Bereich liegen), Sternebewertung (unter 4,0 wird es schwer), Badges (Bestseller, Amazon’s Choice, Prime).

Mein Tipp: Schau dir die Suchergebnisseite für dein Hauptkeyword an, aus Kundenperspektive. Würdest du auf dein Produkt klicken? Wenn nein, weißt du, wo du ansetzen musst.

Wie die fünf Hebel zusammenspielen

Die fünf Hebel sind kein Katalog unabhängiger To-dos, sie verstärken sich gegenseitig. Eine bessere CTR bringt mehr Klicks. Eine bessere Conversion Rate verwertet diese Klicks in Sales. Mehr Sales treiben deine Velocity. Höhere Velocity verbessert dein Ranking. Ein besseres Ranking bringt wiederum mehr organische Impressionen und damit mehr Klicks, ganz ohne zusätzliches Werbebudget.

Das ist der Grund, warum isolierte Maßnahmen (nur das Hauptbild austauschen, nur den Titel umschreiben) selten den erhofften Sprung bringen. Der Hebel mit dem größten Einzeleffekt ist fast immer die Conversion Rate, weil sie in die anderen vier hineinwirkt.

Fazit: SEO ist kein Projekt, sondern ein System

Amazon SEO ist keine einmalige Optimierung, die du machst und dann vergisst. Es ist ein laufender Prozess aus Keyword-Monitoring, Listing-Optimierung und Performance-Analyse. Die gute Nachricht: Wenn du die fünf Hebel verstehst und systematisch daran arbeitest, ist organisches Wachstum auf Amazon absolut planbar.

Genau diese systematische Prüfung, welcher der fünf Hebel bei dir gerade limitiert, ist der Ausgangspunkt jedes Marketplace Audits, das ich durchführe.

Häufige Fragen zu Amazon SEO

Wie funktioniert der Amazon A9/A10-Algorithmus wirklich?

Es gibt keine öffentliche Formel, aber in der Praxis zeigt sich klar: Conversion Rate, Sales Velocity und Keyword-Relevanz haben den größten Einfluss. Wer diese drei Hebel systematisch bearbeitet, sieht Ranking-Verbesserungen unabhängig davon, wie genau der Algorithmus intern gewichtet.

Wie lange dauert es, bis sich Amazon-SEO-Änderungen im Ranking zeigen?

In der Regel 2 bis 4 Wochen für erste Bewegung, 6 bis 8 Wochen für ein stabiles neues Ranking. Änderungen an Titel oder Bildern brauchen Zeit, bis Amazon genug neue Performance-Daten gesammelt hat.

Wie viele Keywords gehören in die Backend Search Terms?

So viele, wie ohne Wiederholung und ohne Füllwörter in die 250 Bytes passen. Priorisiere Synonyme, Schreibvarianten und Rechtschreibfehler, die im sichtbaren Listing keinen Platz haben.

Was ist eine gute Conversion Rate auf Amazon?

Zwischen 10 und 20 Prozent ist in den meisten Kategorien gesund. Unter 8 Prozent deutet auf ein Listing-Problem hin, über 20 Prozent zeigt, dass Bilder, Preis und Reviews gut zusammenspielen.

Hilft mehr Werbebudget beim organischen Ranking?

Indirekt ja, über Sales Velocity. PPC-Kampagnen, die zu tatsächlichen Käufen führen, zählen für dein organisches Ranking auf das jeweilige Keyword, unabhängig davon, ob der Kauf über eine Anzeige oder organisch zustande kam.

Darf ich Marken-Keywords von Wettbewerbern in die Backend Search Terms schreiben?

Nein. Das verstößt gegen Amazons Richtlinien und kann zu Abmahnungen oder Listing-Problemen führen. Nutze Wettbewerber-Keywords stattdessen im Product Targeting deiner PPC-Kampagnen, dort ist es erlaubt.

Reicht es, nur den Titel zu optimieren?

Nein. Titel-Optimierung ohne bessere Bilder, Preis-Positionierung oder Reviews bringt selten den erhofften Ranking-Sprung, weil die fünf Hebel sich gegenseitig verstärken und einzeln nur begrenzt wirken.

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Moritz Lüthke
Moritz Lüthke
Marketplace & Growth Consultant — Addigtive

Seit 2016 auf Amazon unterwegs. 50+ Marken betreut, von Startups bis Konzerne. Schreibt hier über das, was in der Praxis wirklich funktioniert.